Sanierungsexpertin Dr. Nicole Essiger-Munk, Politikwissenschaftlerin
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Kommentar zum Generationenvertrag: Einsparungen an der falschen Stelle gefährden die Generationsgerechtigkeit
Wir müssen es begreifen! Ein Problem kommt selten allein
Was steckt eigentlich hinter dem Begriff der Generationsgerechtigkeit?

- Von Dr. Nicole Munk -

Wenn man das Leben als Zugfahrt und den einzelnen Reisenden einmal als ganze Generation betrachtet, so stellt sich die Frage: Wird der Grundsatz des sozialen und respektvollen Miteinanders im Zugabeteil auch eingehalten?
„Bitte verlassen sie diesen Raum so, wie Sie ihn vorgefunden haben.“ Dieser Satz ist oft in Zugabteilen zu lesen. Er bedeutet: Reisende könne gerne ein Zugabteil komplett in Anspruch nehmen, doch der nächste Reisende sollte auch die Möglichkeit bekommen, einen sauberen, ordentlichen Raum zu betreten.
Der momentan hohe Lebensstandard in den Industrienationen basiert auf Ressourcen, die in einigen Jahren erschöpft sein werden. Gleichzeitig werden aber auch natürlich Lebensräume zerstört. Nachfolgende Generationen werden es als Aufgabe haben, diese Lebensräume aufzubauen und zu schonen ohne Hilfe der bis dahin erschöpften Grundlagen wie Erdöl. In der Umwelt wurde der Grundsatz der Generationenübergreifenden Verantwortung nicht gewahrt.
Vor mehr als hundert Jahren wurde ein Generationenvertrag zur sozialen Sicherstellung aller Lebensabschnitte abgeschlossen. Diese Absicherung umfasst die Unfall-, Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung. Durch große Veränderungen im Altersaufbau der Gesellschaft gehen die alten Formeln nicht mehr auf, es droht ein finanzieller Zusammenbruch der Sicherungssysteme. Die Veränderungen resultieren nicht etwa aus verantwortungslosem Handeln der Generationen. Doch es gilt zu bedenken, dass die Sicherungssysteme an neue Situationen angepasst werden müssen ansonsten wird es ungerecht für nachfolgende Generationen.
Die staatliche Rentenversicherung funktioniert nicht wie ein Konto, auf das man jeden Monat einen gewissen Betrag überweist und sich diesen dann eines Tages auszahlen lassen kann. Die eingezahlten Beiträge der im Anteil rückgängigen jungen Altersgruppe werden direkt an die wachsende Gruppe der Rentner ausbezahlt. Die jungen Beitragszahler müssen heutzutage immer mehr bezahlen. Dabei ist es nicht mehr so sicher, ob sie auf ihre alten Tage gleichwertig versorgt werden können. Mit jeder neuen Generation spitzt sich das Problem zu. Würden wir das Rentensystem nicht reformieren, würde dieses Im Jahr 2030 kippen.
Ein Finanzierungsproblem kommt selten allein, Um die Defizite bei den Rentenbeiträgen zu bezahlen und um die Löcher in der Krankenkasse zu stopfen, muss der Staat mehr ausgeben, als er einnimmt. Bei leerer Staatskasse haben die Politiker nur die Auswahl zwischen der Mentalität „Jetzt kaufen, später zahlen“ oder der Verpflichtung, kräftig sparen zu müssen. Gerecht für nachfolgende Generationen zu handeln, ist schwer. Denn zu viele Schulden nehmen jeden Handlungsfreiraum für die Zukunft. Und Einsparungen an der falschen Stelle (beispielsweise geringe Investitionen in Schulen und Universitäten) zerstören eine der wichtigsten Ressourcen überhaupt: die Bildung.
Ich denke, die Finanzen wahren momentan nicht den Grundsatz der Generationenübergreifenden Gerechtigkeit. Es kann nicht mehr zählen, die Welt so zu hinterlassen, wie man sie antraf. Sondern man sollte sie verantwortungsvoll so hinterlassen, wie man sie sich anzutreffen gewünscht hätte.

Stadtzeitung Bad Nauheim Nr. 567 vom 11.10.2002


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